Zielszenario und Wärme­ver­sor­gungs­gebiete

Im Folgenden erhalten Sie einen Überblick über die gesetzlichen Grundlagen, Ziele, Inhalte und die Entwicklung des Zielszenarios. Als Teil des Zielszenarios finden Sie hier auch Informationen zur Einteilung des beplanten Gebiets in Wärmeversorgungsgebiete. Diese Einteilung ist nicht für Gebiete relevant, die nach der Eignungsprüfung als Gebiete zur dezentralen Wärmeversorgung ausgewiesen wurden. Für diese kann eine verkürzte Wärmeplanung durchgeführt werden.

Empfehlungen für ein gutes Zielszenario im Wärmeplan

  1. Schon bei der Auftragsvergabe, aber auch im Rahmen des KWP-Prozesses, ist darauf zu achten, dass umfassende zeitliche und personelle Ressourcen für die Entwicklung des Zielszenarios eingeplant sind.
     
  2. Das Zielszenario sollte neben den Ortskenntnissen die Bestands- und Potenzialanalyse als Grundlage nehmen, um einen möglichst realistischen Zielpfad zu konzipieren. Klimaneutralität ist hier die Zielmarke, doch Kosten, Risiken, Entwicklungsprognosen und Akteursbeteiligungen sind notwendige Rahmenbedingungen sowie Einflussfaktoren. 
     
  3. Das Zielszenario sollte eine teilgebietsscharfe Planung und Umsetzung ermöglichen. Dafür ist eine konsensuale Abstimmung mit den im Wesentlichen betroffenen Akteuren sinnvoll.
     
  4. In Gebieten mit dezentraler Versorgung darf sich die Kommune nicht mit dem Hinweis „hier seien die Eigentümer zuständig“ zurückziehen. Gerade diese Gebiete benötigen aufgrund der Vielzahl der Akteurinnen und Akteure eine umfassende Beratung und Unterstützung für ihre individuellen oder auch gemeinschaftlichen Wärmelösungen.
     
  5. Ein gutes, detailliertes und abgestimmtes Zielszenario macht nachgelagerte Machbarkeitsstudien wahrscheinlich überflüssig. Es liefert Indikatoren für den nachfolgenden Umsetzungsprozess oder ist direkt die Grundlage für eine konkrete Maßnahme sowie für das anschließende Monitoring.

Das Zielszenario in der Kommunalen Wärmeplanung

Das Zielszenario kann als Herz der gesamten Kommunalen Wärmeplanung (KWP) angesehen werden. Es baut auf den Ergebnissen der Bestands- und Potenzialanalyse auf. Aus mehreren Szenarien wird ein Zielszenario ausgewählt. Das Zielszenario liefert die Grundlage für die Umsetzungsstrategie mit den zur Zielerreichung notwendigen Maßnahmen. Folglich steht das Zielszenario im Zentrum des gesamten Prozesses. Für die Zielszenario-Entwicklung sind daher umfassende Ressourcen einzuplanen.

Während die Bestands- und Potenzialanalysen meist durch einen Dienstleister erfolgen, werden beim Zielszenario die Kommunalverwaltung, Kommunalpolitik und, wo vorhanden, auch der kommunale Energieversorger in den Bewertungs- und Entwicklungsprozess integriert.

Die Aufgabe besteht darin, auf Basis von gezeigten Bedarfen und Potenzialen ein realistisches, optimales, klimaneutrales, versorgungssicheres und kostengünstiges Szenario abzustimmen. Dabei wird nicht nur die Kommune in ihrer Gesamtheit betrachtet. Vielmehr erfolgt eine detaillierte, kartenbasierte, teilräumliche Auffächerung in eine Vielzahl von Baublöcken, Ortsteilen oder Quartieren, in sogenannten Raumtypen oder Clustern, die sich voneinander abgrenzen lassen. Idealerweise bekommt somit jeder Teilraum sein eigenes kleines Zielszenario, worin angegeben wird, welche wahrscheinlichste Versorgungsoption für diesen Raum empfohlen wird.

Zu betonen ist, dass die Zukunft offen ist. Ein Zielszenario beschreibt also ein Wärmeversorgungsziel, das mit Priorität realisiert werden soll. Veränderte Rahmenbedingungen und nachgelagerte Analysen können jedoch zu weiteren Anpassungen führen. 

 

Gesetzliche Grundlage im Überblick

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Entwicklung des Zielszenarios ergeben die aus den Paragraphen 17 bis 19 des Gesetzes für die Wärmeplanung und zur Dekarbonisierung der Wärmenetze (Wärmeplanungsgesetz – WPG), die für die Entwicklung des Zielszenarios sowie die Einteilung der Wärmeversorgungsgebiete maßgeblich sind.

direkt zum Wärmeplanungsgesetz (WPG)

Der Leitfaden Wärmeplanung soll als Anleitung bei der Durchführung der Kommunalen Wärmeplanung nach dem WPG dienen. Er ist rechtlich unverbindlich.

zu den Leitfaden-Dokumenten
© Öko-Institut und ifeu 2024

Der Weg zum Zielszenario

Die Entwicklung des Zielszenarios ist im Leitfaden Kommunale Wärmeplanung (Ortner et al. 2024: S. 75 – 95) ausführlich beschrieben. Für die Erstellung eines guten Zielszenarios bedarf es einerseits umfassender hochwertiger Daten (aus Bedarfs- und Potenzialanalyse), sehr guter Ortskenntnisse sowie eines umfassenden, sich wiederholenden Abstimmungsprozesses.

Zusätzlich zu den erhobenen Daten, die für das Zielszenario genutzt werden, kann neben den Analysen und Berechnungen des Dienstleisters oft auf einen Wärmeatlas zurückgegriffen werden. Einige Bundesländer stellen diesen für ihre Kommunen zur Verfügung und aktualisieren ihn kontinuierlich. Fachexpertise kombiniert mit guten Ortskenntnissen liefern aber auch eine solide Orientierung: „Ich muss nur einen Blick aus dem Fenster werfen, um mit hoher Wahrscheinlichkeit zu sagen: Dieses Gebiet eignet sich für ein Wärmenetz oder doch eher für eine dezentrale Versorgung“, so der Tenor von Dienstleistenden der Kommunalen Wärmeplanung. 

Auch die räumliche Lage sowie die finanzielle und demografische Situation der Kommune sind bei der Erstellung des Zielszenarios sehr wichtig. Handelt es sich beispielsweise um eine kleine, wachsende Kommune im Stadtumland oder um eine kleine, schrumpfende mit überwiegend älterer Bevölkerung im ländlichen Raum. Diese unterschiedlichen Begebenheiten öffnen oder verschließen bestimmte Entwicklungspfade in den Szenarien.

Der in der Bestandsanalyse ermittelte Wärmebedarf für die Gebäudewärme sowie die Prozesswärme sind wichtige Eingangsgrößen für Gebietseinteilungen. Es ist hilfreich, wenn die Energieeffizienzklassen für die Gebäude vorliegen. In ausgewiesenen Prüf- oder Sanierungsgebieten sollten für die schlechtesten Klassen G und H im Maßnahmenplan zusätzlich notwendige Sanierungsmaßnahmen berücksichtigt werden. Die Einschätzung der zukünftigen Sanierungsrate und -tiefe ist oft eine Herausforderung. Diese Annahme bewusst zu treffen ist jedoch entscheidend, da auf dieser Basis der Wärmebedarf für das Zieljahr und die Stützjahre abgebildet wird.

Die für die Zielszenarien konzipierten Karten und grafischen Darstellungen bilden die verschiedenen Themenbereiche und zeitlichen Entwicklungen umfassend ab (siehe § 19 WPG). Diese stoßen stets auf hohes Interesse. GIS-basierte Karten für räumlich ausdifferenzierte Wärmebedarfe stellen gebäudescharfe oder zumindest aggregierte Informationen für Gebäudegruppen dar. Anhand der Karten lassen sich Abgrenzungen oder Ausbaustufen von Netzen gut diskutieren und abstimmen. Anhand der besonders wichtigen Karte zur Wärmebedarfsdichte können Teilräume gut selektiert werden. Auch für die Identifizierung von Fokusgebieten mit erhöhtem Energieeinsparpotenzial eignen sie sich gut.

Die vier genannten Wahrscheinlichkeiten bezüglich der Versorgungsarten können über ein farbliches hell-dunkel Spektrum auf den Karten veranschaulicht werden. Legt man die Karten dann nebeneinander, kristallisiert sich heraus, welche Gebiete eher dezentral und welche eher zentral versorgt werden könnten. In einer zusammenfassenden Karte mit den Funktionen „hohe Eignung“, „mittlere Einung“, „niedrige Eignung“ können die Ampelfarben genutzt werden. 

Abbildung: Exemplarische Kartendarstellungen für die Stadt Köln auf Grundlage der LANUK-Bestandsdaten

© GWI Essen

Um Wärmenetze zu planen, benötigt man eine Wärmeliniendichtekarte, die aus der flächigen Wärmedichtekarte abgeleitet wird. Diese orientiert sich an den Gebäuden beziehungsweise Anschlüssen an den prognostizierten Netzverlauf (Linie). Um die Realisierungschancen für ein Wärmenetz einzuschätzen, sind Wärmegestehungskosten als Vollkosten zu kalkulieren. Sie umfassen sowohl Investitionskosten einschließlich Infrastrukturausbaukosten als auch Betriebskosten über die Lebensdauer der Anlagen.

Zudem spielen verschiedene Kriterien für die Wärmenetzplanung eine wichtige Rolle: 

  • Förderungen,
  • der Anschluss und die geschätzte Anschlussquote, 
  • die Erweiterung eines bestehenden Netzes, 
  • das Vorhandensein großer Wärmeabnehmer (Ankerkunden), 
  • Neubau einer Heizzentrale (falls nicht vorhanden) und 
  • die Erschließung und Einbindung der Energiequellen.

Im Zielszenario werden unter anderem die Energiequellen für eine klimaneutrale Wärmeversorgung betrachtet und abgewogen. Aus der Potenzialanalyse liegen umfassende Angaben vor. Aus den Impulsen der Dienstleistenden und Energieversorgungsunternehmen wird im Diskurs ein optimaler Lösungspfad für die einzelnen Teilräume erarbeitet.

In den dezentralen Gebieten (insbesondere in Ein- und Zweifamilienhaussiedlungen) spielt die Luft-Wasser-Wärmepumpe die dominieren Rolle, soweit ausreichende Aufstellflächen vorhanden sind, der Lärmschutz beachtet und auch das Stromnetz die notwendigen Lasten bereitstellen kann. Wenn es die Bodenverhältnisse zulassen kann ein gewisser Anteil von Sole-Wasser-Wärmepumpen ergänzend eingeplant werden. Aufgrund der Wahlfreiheit und technologieoffenen Gestaltung des Wärmeplanungsgesetzes sind auch andere klimaneutrale Wärmetechnologien möglich, zum Beispiel Pelletheizungen, Infrarotheizungen oder Luft-Luft-Wärmepumpen.

Komplexer und schwieriger zu kalkulieren ist die Wärmebereitstellung für Wärmenetze in den zentral zu versorgenden Gebieten. Hier sind Kosten, Effizienz, Versorgungssicherheit und Akzeptanz unter der Zielorientierung Klimaneutralität bis 2045 miteinander auszutarieren.

Zielszenario als strategisches Steuerungsinstrument für die Umsetzung

Die Vertretenden aus Kommunalpolitik und Kommunalverwaltung, die in die Entwicklung des Zielszenarios eingebunden sind, besitzen eine entscheidende Schlüsselfunktion für die Auswahl der Zielszenarien für die unterschiedlichen Gebiete und die daraus abgeleiteten Strategien und Maßnahmen. Eine nähere Betrachtung dazu finden Sie in unserem Magazinbeitrag „Warum die Wärme­wende die Kommunalpolitik braucht und wie Mandats­tragende unterstützt werden können“.

Vorteilhaft ist, wenn die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister hier die Regie übernehmen. Der Sachverstand für die Entscheidungen muss in kurzer Zeit aufgebaut werden. Die Beratungen durch Dienstleister und Energieversorger sind immer notwendig und hilfreich, aber durchaus mit einem zu berücksichtigenden Eigeninteresse verbunden. Gegebenenfalls ist daher auch eine neutrale Expertise zum Beispiel durch eine Energieagentur hilfreich.

Im Verwaltungshandeln kommt es folglich darauf an, für diesen Entscheidungsprozess hinreichend Zeit und Ressourcen einzuplanen. Ein längerer Zeitraum mit verschiedenen Sitzungen erscheint angemessen. Versierte Dienstleistende räumen daher der Entwicklung und Abstimmung des Zielszenarios einen ähnlich hohen Aufwand ein, wie der Datenerfassung während der Bestandsanalyse.

Quellen

Handlungsoptionen für Kommunen

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