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Prozess der KWP

Gemeinsam voran: Die Wärmewende sozial gestalten

Damit Kommunen den Weg zur klimaneutralen Wärmeversorgung erfolgreich gehen können, müssen soziale Faktoren mitgedacht werden. Erfahren Sie, warum die Bezahlbarkeit der Wärme eine wichtige Voraussetzung für die gelungene Umsetzung der Wärmewende ist.

Die Wärmewende ist kein Sprint. Sie ist eine langfristige Transformation, die Kommunen, Stadtwerke, Wohnungswirtschaft sowie Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen fordert. Städte und Gemeinden wollen weit gehen – hin zu einer klimaneutralen, nachhaltigen und bezahlbaren Wärmeversorgung. Doch wer weit gehen will, muss alle mitnehmen. 

Genau hier liegt die zentrale Herausforderung: Die Wärmewende darf soziale Probleme nicht verschärfen. Damit das gelingt, braucht es mehr als technische Planung und betriebswirtschaftliche Optimierung. Es braucht das bewusste Mitdenken unterschiedlicher Lebensrealitäten – und die Bereitschaft, an den richtigen Stellen innezuhalten. 

Die Kommunale Wärmeplanung ist eine solche Stelle. Sie beeinflusst, welche Versorgungswege eingeschlagen werden, welche Kosten entstehen – und wer sie am Ende trägt. Wer hier soziale Aspekte systematisch berücksichtigt, schafft die Grundlage für tragfähige, akzeptierte und umsetzbare Lösungen. In der Praxis wird bislang häufig die betriebswirtschaftlich günstigste Lösung als beste Lösung verstanden. Dabei kann es aus sozialen Gründen sinnvoll sein, ein Gebiet beispielsweise mit Fernwärme zu erschließen, auch wenn eine rein wirtschaftliche Betrachtung eher dagegenspricht.

Energiearmut als soziales Risiko mit zahlreichen Variablen

Energiearmut bedeutet, dass Haushalte ihre Heiz- und Stromkosten nicht mehr bezahlen können oder Energie für grundlegende Dinge wie Kochen, Waschen oder Medienkonsum sparen müssen (vgl. Cludius 2023: S. 15).

Ein zentraler Grund für Energiearmut sind steigende Energiepreise. Entscheidend ist jedoch vielmehr das Zusammenspiel mehrerer Faktoren (siehe Abbildung), die bestimmen, ob Haushalte steigende Energie- und Heizkosten abfedern können – oder nicht. Deshalb bedeutet ein geringes Einkommen auch nicht automatisch Energiearmut. Wer in einem gut sanierten Eigenheim mit effizienter Heiztechnik lebt, kann seine geringen Energiekosten mit einem niedrigen Gehalt decken. Umgekehrt können Haushalte mit mittlerem Einkommen stark belastet sein – etwa, wenn sie in unsanierten Gebäuden wohnen, eine hohe Miete haben oder hohe Fixkosten tragen. In schlecht gedämmten oder unsanierten Häusern lässt sich der Energieverbrauch kaum senken – selbst wenn die Preise für Energieträger stark steigen (vgl. Co2online 2022). 

Dreieck der Energiearmut

Grafik: dena/KWW nach Braungardt et al. 2024

© dena/KWW nach Öko-Institut 2023

Besonders gefährdet sind häufig jene Haushalte, die zu viel verdienen, um Transferleistungen zu erhalten, aber zu wenig, um steigende Kosten oder Investitionen selbst tragen zu können. Sie fallen durch viele Förder- und Sicherungssysteme hindurch, obwohl ihre finanzielle Belastung hoch ist.

Ob Haushalte von Energiearmut betroffen sind, hängt insbesondere von diesen Faktoren ab:

  • Wohnform und Entscheidungsmacht
    Leben Menschen zur Miete oder im Eigenheim? Können sie über Sanierung und Heiztechnik selbst entscheiden?
  • Art des Vermieters
    Handelt es sich um ein kommunales Wohnungsunternehmen/eine Genossenschaft mit sozialem Auftrag oder um renditeorientierte Anbieter?
  • Alter und Lebensphase
    Ältere Menschen haben häufig keinen Zugang mehr zu Krediten – auch bei vorhandenem Sanierungsbedarf.
  • Gebäudezustand 
    Unsanierte Gebäude verursachen hohe Heizkosten. 
  • Zugang zu Transferleistungen
    Erhalten Haushalte Unterstützung oder fallen sie knapp aus dem System heraus?

Energiearmut ist damit kein eindimensionales Armutsproblem, sondern Ausdruck struktureller Verwundbarkeit. Für die Wärmewende bedeutet das: Pauschale Lösungen greifen zu kurz.

Kommunen können aufgrund dieser Mehrdimensionalität, soziale Betroffenheit nicht allein über Einkommensdaten erfassen. Stattdessen braucht es eine differenzierte Betrachtung von Haushalts- und Gebäudetypen, Eigentumsverhältnissen und Lebenslagen. Bei der Umsetzung der Wärmepläne sollte diese Komplexität mitgedacht und berücksichtigt werden, um gezielt jene Haushalte zu erreichen, die weder durch klassische Sozialpolitik noch durch marktbasierte Lösungen ausreichend geschützt sind.
 

Wer muss besonders mitgedacht werden?

Nicht alle Menschen sind gleich von Energiearmut betroffen und nicht alle können die Wärmewende gleich gut bewältigen. Besonders bei der Wärmewende mitgedacht werden, müssen die sogenannten vulnerablen Gruppen. Eine Analyse des Sozial-Klimarats zeigt, dass rund 30 Prozent der Haushalte in Deutschland eine schlechte oder sehr schlechte Ausgangslage für die Wärmewende haben. Entscheidend sind dabei vor allem das Einkommen, die Wohnform und das Alter der Gebäude.

Zu den besonders gefährdeten Gruppen zählen die mit den niedrigsten Gehältern: 

  • Prekäre Eigentümerinnen und Eigentümer in älteren Häusern, die dringend saniert werden müssten, dafür aber kaum Mittel haben
  • Mietende in unsanierten Wohnungen, vor allem bei privaten Kleinvermietenden. Steigende Nebenkosten sowie steigende Mieten durch Umlagen im Zuge von Sanierungen können sie schnell finanziell überfordern. 

Auch Eigentümerinnen und Eigentümer mit mittleren Einkommen (Netto-Äquivalenzeinkommen zwischen 2.000 und 3.000 Euro im Monat) in älteren Gebäuden sowie Familien, die durch Kredite belastet sind, stoßen bei der Umstellung auf klimaneutrale Heizsysteme an ihre Grenzen. Selbst Mietende in großen Wohnungsbeständen sind gefährdet, wenn sie steigende Kosten nicht tragen können. (Vgl. Sozial-Klimarat 2025)

Unterstützungsbedarf bei der Wärmeplanung mitdenken

Insgesamt wird deutlich: Viele dieser Haushalte können die Wärmewende nicht aus eigener Kraft umsetzen. Für Kommunen ist es daher sinnvoll, diese unterschiedlichen Ausgangslagen in der Kommunalen Wärmeplanung und insbesondere bei ihrer Umsetzung zu berücksichtigen. Wer soziale Daten und typische Haushaltssituationen mitdenkt, kann gezielter planen und erkennen, wo besonderer Unterstützungsbedarf besteht – zum Beispiel in bestimmten Quartieren oder bei bestimmten Bevölkerungsgruppen. So wird die Wärmewende realistischer, wirksamer und sozial ausgewogener. 

Fernwärme, dezentrale Lösungen oder Prüfgebiete: Welche Versorgungsart ist sozialverträglich?

Ein genauer Blick auf unterschiedliche Versorgungsgebiete zeigt: Die sozialen Auswirkungen unterscheiden sich deutlich und sind für die Planung entscheidend.

Wieso wird nicht einfach saniert?

Energetische Sanierungen sind ein zentraler Hebel, um Energiearmut zu verringern und Heizkosten langfristig zu senken. Doch sowohl Mietende als auch Eigentümerinnen und Eigentümer stehen hier vor großen Herausforderungen.

Sanierung des Eigenheims oft nicht möglich

Mit der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) unterstützt der Bund Investitionen in Sanierung und klimafreundliche Heizungen. Zwar gibt es Einkommensboni, die soziale Unterschiede ausgleichen sollen (vgl. Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle 2025), in der Praxis profitieren jedoch dennoch vor allem einkommens- und vermögensstarke Haushalte. Für Menschen mit niedrigen Einkommen bleiben die finanziellen Hürden hoch – etwa durch notwendige Eigenanteile oder Vorfinanzierungen (vgl. dena 2024: S. 29).

Gerade ältere Eigentümerinnen und Eigentümer über 65 Jahre können auch bei sehr großzügiger Förderung die verbleibenden Eigenanteile nicht finanzieren. Viele haben sich ihren Traum vom Eigenheim über Jahre „vom Mund abgespart“, ohne finanzielle Rücklagen für energetische Sanierungen bilden zu können. Hinzu kommt: Mit zunehmendem Alter sinkt die Kreditwürdigkeit. Auch bei schlechtbewerteten Häusern und in strukturschwächeren Regionen ist der Zugang zu Krediten oft zusätzlich eingeschränkt. Aktuelle finanzielle Förderprogramme begünstigen somit strukturell diejenigen, die über Eigenkapital, Planungskompetenz und Kreditwürdigkeit verfügen (vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2023; Öko-Institut e.V. 2022: S. 21f.).

Das bestätigt auch der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung: Immer mehr private Eigentümerinnen und Eigentümer können notwendige Sanierungen aus finanziellen Gründen nicht umsetzen. Besonders stark betroffen sind Haushalte mit niedrigen Einkommen. Energetische Sanierung wird damit zunehmend zu einer sozialen Frage (vgl. BAMS 2025: S. 276).

Mieten, Sanieren, Bezahlen – das Vermietenden-Mietenden-Dilemma

Zwischen Einkommen und Wohnform besteht ein enger Zusammenhang (siehe Abbildung). Menschen mit niedrigerem Einkommen wohnen deutlich häufiger zur Miete. Gleichzeitig leben Mietende im Vergleich zu privat Eigentümerinnen und Eigentümern besonders häufig in Gebäuden mit einem schlechten energetischen Zustand. In einem Mieterland wie Deutschland, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung kein Eigenheim besitzt, hat das weitreichende Folgen. Denn gerade hier stockt die energetische Sanierung: Vermietende haben oft nur geringe Anreize, in Effizienzmaßnahmen zu investieren, da sie die Nebenkosten nicht bezahlen müssen (vgl. Staudt 2024: S. 4, Braungardt et al. 2022: S. 14). Gleichzeitig müssen die Mietenden die Heizkosten tragen, können aber weder über die Gebäudehülle noch über die Heiztechnik entscheiden. Dieses Spannungsfeld wird häufig als Vermietenden-Mietenden-Dilemma bezeichnet. Das bremst notwendige Investitionen und erschwert eine sozialverträgliche Wärmewende.

Wohnverhältnis nach Einkommensdezilen

eigene Darstellung nach Öko-Institut (2022): Wie wohnt Deutschland?; Abbildung 6 auf Basis der Einkommens- und Verbrauchstichprobe 2018 des FDZ der statistischen Ämter des Bundes und der Länder

Ein Blick nach Skandinavien zeigt, dass es auch anders geht. In Schweden wurde bereits vor vielen Jahren das sogenannte Warmmieten-Modell eingeführt. Vermietende sind dort verpflichtet, ihren Mietenden eine bestimmte Mindesttemperatur zu einer festen Warmmiete bereitzustellen. Das schafft klare Anreize für gute Sanierung und effiziente Heizsysteme – und entlastet die Bewohnerinnen und Bewohner (vgl. Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein 2025). Ein vom damaligen Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) im Jahr 2022 beauftragtes Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass die Einführung eines Teilwarmmietenmodells in Deutschland rechtlich möglich wäre, sich technisch ohne zusätzlichen Aufwand umsetzen ließe und einen Beitrag zur Transformation des Gebäudesektors leisten würde (vgl. Braungardt et al. 2022). Bislang wurde dieses Modell jedoch nicht im politischen Diskurs aufgegriffen.

Kommunaler Handlungsspielraum

Auch wenn das aktuelle Wärmeplanungsgesetz keine konkreten sozialen Kriterien vorgibt, verfügen Kommunen über erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten. Entscheidend ist, ob soziale Daten, typische Haushaltssituationen und unterschiedliche Anpassungsfähigkeiten systematisch im Rahmen der Bestandsanalyse der Kommunalen Wärmeplanung einbezogen werden.  

Gerade in Prüfgebieten, in denen die Entscheidung zwischen zentraler und dezentraler Versorgung nicht eindeutig ausfällt, könnten soziale Faktoren in die Abwägung einbezogen werden. Netzoptionen verdienen hier auch dann eine ernsthafte Prüfung, wenn sie betriebswirtschaftlich zunächst grenzwertig erscheinen. Außerdem ließen sich Quartiere mit besonderem Unterstützungsbedarf gezielt identifizieren und mit sozial ausgewogenen Maßnahmen begleitet werden. 

Auch bei der Ausgestaltung von Wärmenetzen besteht kommunaler Spielraum. Denkbar ist ein größerer Fokus auf einen modularen Ausbau, der zu einer Verteilung der Netzausbaukosten über einen längeren Zeitraum führt. Ebenso gezielte Zuschüsse für Hausanschlüsse über die BEG. So ließe sich die finanzielle Belastung gerechter über Einkommensgruppen verteilen. Das würde insbesondere Haushalte mit geringem finanziellem Spielraum zugutekommen. 

Die Ausweisung dezentraler Versorgungsgebiete sollte durch quartiersbezogene Strategien sowie Beratungs- und Koordinationsangebote flankiert werden. Ergänzend braucht es niedrigschwellige Förderzugänge, eine gezielte Unterstützung für ältere Eigentümerinnen und Eigentümer sowie Instrumente, die Investitionsrisiken reduzieren – etwa durch kommunale Beratungsstellen, Sanierungsfahrpläne oder koordinierte Quartierslösungen. Nur so kann verhindert werden, dass individuelle Verantwortung zur strukturellen Überforderung wird.   

Übersicht kommunaler Handlungsoptionen für mehr Sozialverträglichkeit

  • soziale Kriterien berücksichtigen: sozio-ökonomische Daten, Mietendendichte und Anpassungsfähigkeit systematisch in Bestandsanalyse erfassen und bei Prüfgebieten und bei der Umsetzung berücksichtigen 
  • Wärmenetze sozial flankieren: Förderinstrumente strategisch nutzen (zum Beispiel BEW, BEG), um Anschlusskosten zu senken und soziale Schieflagen beim Netzausbau zu vermeiden (Ermöglichung einer schrittweisen Finanzierung durch modularen Ausbau)
  • dezentrale Gebiete aktiv begleiten: Quartiersstrategien entwickeln, Beratungs- und Koordinationsangebote ausbauen und (insbesondere ältere) Eigentümerinnen und Eigentümer bei Förder- und Finanzierungsfragen unterstützen
  • transparente und niedrigschwellige Information bereitstellen: Energieberatung auf der kommunalen Webseite sichtbar machen, Informationen zu Energiesparen, Förderprogrammen und Wohngeld bündeln sowie aufsuchende Beratungsangebote kommunizieren
  • Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für die Wärmewende gewinnen: positive Praxisbeispiele sichtbar machen, lokale Aktionstage organisieren und engagierte Akteurinnen und Akteure im Quartier als Botschafterinnen und Botschafter der Wärmewende stärken

Quellen

Stand: April 2026